Flucht, Vertreibung und Traumatisierung

Das Teilprojekt „Flucht, Vertreibung, Traumatisierung“ beschäftigt sich insbesondere mit traumatischen Erfahrungen ehemaliger DDR-Bürger und deren psychischer Gesundheit heute. Dabei stehen insbesondere zwei Themenbereiche im Fokus der Forschung: Zum einen die Erfahrung von Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg; zum anderen die Erfahrung politischer Verfolgung während der DDR-Zeit.

Sowohl bei Erfahrung von Vertreibung als auch bei Erfahrung politischer Verfolgung weiß man, dass auch mehrere Jahrzehnte nach den traumatischen Ereignissen große Teile der Betroffenen weiterhin stark in ihrer psychischen Gesundheit beeinträchtigt sind. Aus klinischer Perspektive ist es von großer Wichtigkeit, nicht nur ein genaues Bild darüber zu bekommen, welche psychopathologischen Besonderheiten bei Betroffenen von Vertreibung bzw. politischer Verfolgung vorherrschen, sondern auch mögliche Risiko- und Schutzfaktoren zu ermitteln, um zielgerichtete psychotherapeutische Maßnahmen entwickeln zu können.

In einer Vielzahl an Studien konnte man zeigen, dass das soziale Umfeld und der gesellschaftliche Umgang mit psychischen Erkrankungen einen entscheidenden Einfluss darauf nimmt, in welcher Art und Weise und wie schwerwiegend Betroffene einer psychische Erkrankungen unter ihren Symptomen leiden.
Bezüglich der Erfahrung von Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg lässt sich demnach die Hypothese formulieren, dass der gesellschaftliche Umgang mit der Thematik in den Medien und im Alltag gerade in den ersten Jahren nach der traumatischen Erfahrung von Vertreibung einen entscheidenden Einfluss darauf nimmt, ob und in welchem Ausmaße es nachfolgend zu einer psychischen Belastung der Betroffenen kommt.
In unserer Forschung wollen wir die die Unterschiede im gesellschaftlichen Umgang mit Kriegsvertriebenen in der ehemaligen DDR und BRD herausarbeiten und davon ausgehend ermitteln, inwiefern die in den jeweiligen Teilen Deutschlands unterschiedlich vorherrschenden Diskurse einen Einfluss darauf hatten, wie stark Betroffene unter Symptomen der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung, sowie weiterer psychischer Probleme litten.

Hinsichtlich der negativen Folgen politischer Verfolgung soll neben einer genauen Untersuchung der psychischen Gesundheit der Betroffenen auch analysiert werden, inwiefern hier ein Zusammenhang möglicher psychopathologischer Auffälligkeiten mit möglichen körperlichen Beschwerden festzustellen ist.

Die Studien greifen dabei insbesondere auf den Datensatz der groß angelegten epidemiologischen Bevölkerungsstudie „Study of Health in Pomerania (SHIP)“ zurück. In dieser Studie wurde in weltweit einmaliger Art und Weise das Thema Gesundheit in seiner Komplexität untersucht: So wurde eine große Anzahl an Personen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten nicht nur mehrmals auf ihre körperlichen und psychischen Erkrankungen untersucht, sondern auch eine Vielzahl weiterer Faktoren ermittelt, die mit Gesundheit in Zusammenhang stehen. Dazu zählen beispielsweise die beruflichen Lebensumstände der Personen, deren gesundheitsbeeinträchtigende Verhaltensweisen und der Umgang mit verschiedenen entscheidenden Lebensereignissen.

Ein weiterer Punkt, der die Untersuchung des SHIP-Datensatzes für unsere Fragestellung besonders interessant macht, ist der Fakt, dass die Region Mecklenburg-Vorpommern, in welcher der SHIP-Datensatz erhoben wurde, in besonderer Weise durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen der ehemaligen deutschen Ostgebiete geprägt ist. So wird geschätzt, dass wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 60–70% der Nachkriegsbevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns einen Fluchthintergrund hatten. Ebenso berichten in der Studie eine Vielzahl von Personen, in der DDR Benachteiligungen aufgrund ihrer politischer, sexueller oder religiöser Einstellungen erfahren zu haben, bis hin zu politischer Verhaftung.

Unsere Forschung soll nicht nur einen Beitrag dazu leisten, die negativen Nachwirkungen traumatischer Ereignisse in der DDR-Zeit mit Blick auf die psychische und körperliche Gesundheit besser zu verstehen, sondern auch neue Antworten auf die allgemeine Forschungsfrage geben, wie Folgen von Traumatisierung durch den sozialen Kontext geformt werden.

Verantwortliche für das Teilprojekt:

Universitätsklinikum Leipzig,
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie:
Univ.-Prof. Dr. med. Georg Schomerus,
Dr. med. Sven Speerforck,
Univ.-Prof. Dr. med. Hans J. Grabe (Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Greifswald)